edgar-diehl-farbzeiten-330
296 Seiten
55 farbige Abbildungen
Paperback
29,80 Euro
ISBN 3-927369-13-6
Library of Healing Arts Band 3

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Unsere Welt ist bunt. Alles Sichtbare teilt sich dem Auge mit einer Farbe mit, und auch das Schaffen des Menschen drückt sich in Farben aus. In der Farbigkeit der vom Menschen geschaffenen Welt kann etwas Kollektives abgelesen werden. Edgar Diehl erkennt in der farbigen Gestaltung unserer Umwelt Phasen, die mit dem Wandel des Zeitgeists einhergehen. Sein sozialgeschichtlicher Diskurs führt uns die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft vor Augen, indem er die dominierenden Farben der Dekaden einer farbpsychologischen Betrachtung unterzieht. Er tut dies, indem er seine eigene Biografie als Künstler analysiert und sich als Mensch erkennbar macht, der in gesteigerter Intensität von, in und mit der Farbe lebt. »Farbzeiten« zeigt einen Künstler, der Farbe als heilsame Brücke im Dialog mit den Menschen versteht. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, welche Wirkung und Bedeutung Farbe und Kunst auf die Entfaltung eines humanistischen Menschenbilds haben. Anhand exemplarischer Werke aus der eigenen Werkstatt lässt Diehl den Leser an einer spannenden Erkenntnisreise teilhaben, die ihn, den Künstler, zum Lebensbegleiter der Persönlichkeiten gemacht hat, für die er seine Bildwerke schafft. Edgar Diehls spirituelles, auf den Menschen bezogenes Kunstkonzept macht »Farbzeiten« zu einem inspirierenden Lese-, Schau- und Nachfühlbuch nicht nur für alle, die sich mit dem Thema Farbe als Künstler und Therapeuten beruflich befassen. Die lebensnahe Wegleitung durch das Reich der Farbe macht das Buch für jeden Menschen wertvoll, der wünscht, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Leseprobe aus Kapitel 9, “Blau”

Bei der inneren »Reizregulierung« hilft das Ultramarin-
blau. Es hat in diesem Sinn als Farbe einen wichtigen funk-
tionalen Stellenwert. Hier zeigt sich, auf welcher oft realen
Grundlage eine zunächst ästhetisch begründete Bevorzu-
gung stehen kann.
Meist gelingt die innere Verarbeitung aber nicht restlos.
So kommt es zu einem Stau von Emotionen, der sich bei
einer Gelegenheit entlädt, die meist nicht passt und unmo-
tiviert heftig erscheint. Wenn man weiß, welche kollektiven
Muster dahinter stehen, dann bringt man mehr Verständnis
auf und sieht den eigentlichen Hintergrund von Reaktionen
in den verschiedensten Situation, z. B.
- Negatives im Straßenverkehr und im Umgang mit Unter-
gebenen,
- Positives, wenn Alkohol die soziale Hemmung wegge-
spült hat und es zu weinseliger Verbrüderung kommt.
- Im Alltag scheint mir auch die übertriebene Liebe und
Fürsorge für Tiere ein Indiz zu sein, dass man hier etwas
ausdrückt, dessen man sich gegenüber Menschen und
leider oft auch gegenüber Kindern schämt: offene Sym-
pathie, Ausdrucksformen von Liebe, Zärtlichkeit.
Polemisch überspitzt könnte man sagen, dass wir Deut-
schen in einem emotionalen Stau stehen. Stockungen auf
der A6 (Ausdrucksbahn 6) durch ausgebliebene Emotionen
im sozialen Verkehr! Ich fände es voreilig, hier eine Wer-
tung zu treffen, und möchte nicht die eine Form des sozia-
len Umgangs über die andere stellen – was viele hier sicher-
lich gerne täten, denn dazu kenne ich die Schattenseiten
z.B. des italienischen kollektiven Lebens zu wenig.
Treffen wir auf eine größere Fläche Ultramarin, das
schön leuchtet, dann löst sich dieser Druck, der durch die
»Stockung auf der A6« verursacht wurde. Die Farbe appel-
liert an die Vernunft, leitet in die Tiefe, erdet und verschafft
das Gefühl, mit sich allein sein zu wollen und es zu können.
Die Tradition, das schützend Mütterliche, findet in der Erd-
haftigkeit dieser Farbe ebenfalls ihren Niederschlag nach
dem Motto: Wir tun die Dinge so, weil das bei uns Tradi-
tion ist.
Das Ultramarin hat gerade soviel Rotanteil, dass man
ihn als solchen nicht spürt. Es wird immer noch als blaue
Farbe gesehen. Das Rot hält sich, obwohl es in erheblicher
Menge im Ultramarin vorhanden ist, in seiner psychischen
Wirkung zurück. Das Ich, das im Rot immer angesprochen
wird, leuchtet im Ultramarinblau noch nicht spürbar auf,
wie das im Violett deutlich der Fall ist. Das mit Fragen, Rei-
zen, Ängsten und Spannungen beladene Innere kann im
Ultramarin zu sich selber kommen und diese Reize inner-
lich verarbeiten und regulieren, wie ich schon dargestellt
habe. Im Violett dagegen wird das Ich und mit ihm sein
emotionaler Inhalt in den Prozess der Vertiefung gezo-
gen. Hier wird in erster Linie die Emotion an die Vertie-
fungsschwelle geführt. Deshalb tritt eine Hinneigung zum
Violett in einer Lebensphase auf, in der z. B. die Liebe, die
sich naturgemäß auf Menschen, Landschaften und andere
Bevorzugungen bezieht, in die kosmische Liebe zum Gött-
lichen überführt wird. Das ist eine Qualität, die das Ultra-
marinblau nicht hat. Aber da Farben immer im Fluss sind,
kann ein von uns definiertes Ultramarin, z. B. durch die
Nachbarschaft eines hellen Grüns, duch den sogenann-
ten Simultankontrast im Auge mit einem höheren Rotan-
teil wahrgenommen werden, als es das blaue Pigment tat-
sächlich hat. Das Ultramarin sieht dann violett aus. Dann
kommt diesem Ultramarin auch etwas von jenen Qualitäten
zu, die ich am Violett beschrieben habe.